Gin für die GötterAus "Reise und Preise", 2/00, Text von REGINA FISCHER-COHE Das kleine Land am Golf von Guinea, der ehemaligen Sklavenküste, gehört zu den ärmsten der Welt. Doch seit der Abkehr von der marxistischen Diktatur ist Benin im Aufwind. Faszinierende, lebendige Traditionen und sehenswerte Städte und Dörfer machen das Land zu einem der attraktivsten Urlaubsziele in Westafrika. Es ist ein Uhr früh, als plötzlich ein schauerlich schönes Heulen die finstere Nacht durchdringt. Drei, vier Mal wiederholt sich dieser beschwörend lang anhaltende Ton und lässt unser Blut in den Adern gefrieren. Dann ist es für Sekunden totenstill. Selbst das monotone Dauerzirpen der Grillen ist für den Moment verstummt. »Gut, dass wir hier im Haus sind«, flüstert die Königin. »Das war Oro - der Gott der Lüfte. Wenn sein Ruf erschallt, ist jede Frau verloren, die draußen im Freien ist. Es heißt, sie wird nie wieder zu den Lebenden zurückkehren.« Abwesend gleitet ihr Blick in das Dunkel des Himmels. Doch dann, als wäre nichts geschehen, fährt sie fort, von der kleinen Computerschule zu berichten, die sie unten im Dorf, mit deutscher Hilfe, eröffnet hat. Der karge Lehmraum, in dem wir sitzen, diente schon dem ersten König von Allada im 13. Jahrhundert als Empfangszimmer. Seither hat sich kaum etwas verändert. Noch immer steht der schlichte Holzthron an exakt derselben Stelle. Und noch immer muss die Königin auf einem kleinen Mauervorsprung kauern, rechts neben ihrem Mann. Das strenge Protokoll gibt ihr keinen eigenen Stuhl, nicht einmal Schuhe darf sie tragen. Die gewaltige Lehmmauer, die die Residenz umgibt, scheint, wie das ganze Dorf, aus der leuchtend roten Erde Afrikas emporgewachsen zu sein. Prunk und Pracht sucht man hier vergebens, doch der Anblick ist einfach malerisch. Unblutiger Übergang zur DemokratieFünf führende Könige gibt es im ganzen Land. Nicht jeder ist ein echtes Blaublut. Der tief verwurzelte Volksglaube besagt, dass letztlich die Götter bestimmen, wer ihnen als weltlicher Vertreter würdig erscheint. So lässt sich erklären, dass im Zweifelsfall das Orakel entscheidet, wem die Insignien verliehen werden. Die politische Macht liegt allerdings im Parlament. Im Gegensatz zu seinen kriegsgeschütteten Nachbarstaaten tut sich Benin mit einer geradezu vorbildlichen Demokratie hervor. Doch die geistige Freiheit ist eine zart Pflanze, die erst seit zehn Jahren gedeiht. Bis 1990 war Benin Volksrepublik, und der jetzige, in freier Wahl ermittelte Präsident Kérékou herrschte seinerzeit noch als Diktator. Heute setzt er allerdings die schrittweise Privatisierung und Liberalisierung der Wirtschaft fort, mit der sein glückloser Amtsvorgänger SogIo begonnen hat. Ein langer, schwieriger Weg. Jahrhundertlange Fremdherrschaft und Ausbeutung haben den schwarzen Kontinent ausbluten lassen. Benin zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Industrie und Gewerbe sind kaum entwickelt. Die dünne Überlebensgrundlage sind landwirtschaftliche Kleinbetriebe und Subsistenzwirtschaft. Nahtlos ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Kolonialmächten in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von ausländischen Investoren und Hilfsorganisationen übergegangen. Und dennoch wäre es falsch, von einer gravierenden Armut zu sprechen. Der alte Mann, der uns voller Stolz in seine karge Hütte bittet, macht auf eindringliche Weise deutlich, dass es unser Prestige- und Konsumdenken ist, das Armut sieht, wo in Wirklichkeit zufriedene Anspruchslosigkeit gelebt wird. Ein Stuhl und eine winzige Kommode, einige Bücher und Gefäße ist alles, was der Alte besitzt. Doch der weist mit dem Finger auf zwei vertrocknete Palmwedel und einen Haufen Blätter in der Zimmerecke und erklärt freundlich: »Gibt es etwas Schöneres, als nachts in den Armen der Natur zu schlafen? Das da ist alles, was ich wirklich brauche.« Cotonou: pulsierendes Zentrum der KüstenregionAus dem Autoradio dröhnt ein Song von Papa Wemba. Volle Lautstärke, wie es sich gehört. Der Rhythmus geht ins Blut, ob man will oder nicht. »Diese Musik nennen wir Soukouss. Bedeutet "durchschüttelnd"«, grinst Ramon hinterm Steuer, während seine Schulterblätter unaufhaltsam im Takt rotieren. Der Verkehr um uns herum wird immer dichter. Bereits jetzt, am Morgen, ist die Luft zum Schneiden. Cotonou, die knapp eine Million Einwohner zählende Hafen- und Verwaltungsstadt, erstickt im Smog. fast drei Viertel der Gesamtbevölkerung Benins lebt hier im Süden, an dem knapp 120 Kilometer breiten Küstenabschnitt. Am Wochenende, wenn alles an die breiten Sandstrande drängt, ist die Hölle los. Wie wild gewordene Hornissenschwärme knattern voll beladene Mofas aus allen Himmelsrichtungen heran und zwängen sich angriffslustig zwischen die dicht gedrängten Autos. Ganze Familien nebst Stühlen, Tischen und Proviant kleben, wie von Geisterhand gehalten, auf den winzigen Maschinen. Allein 40.000 von ihnen sind lizenzierte Transportunternehmen. Zémidja' - pack mich schnell - nennen die Einheimischen ihre Zweirad-Taxis und demonstrieren damit einmal mehr, wie treffend und gewitzt die Fön-Sprache ist. Ganvié: Afrikas schönste PfahlbausiedlungAchtzehn Kilometer nordwestlich, in den sumpfigen Wäldern des Noukoue- See, liegt Ganvié, das Venedig Westafrikas. Der einstige Zufluchtsort der Adja, die sich vor den Sklavenjägern aufs Wasser flüchteten, gilt heute als größte und schönste Pfahlbausiedlung des Kontinents. Leider gehören mittlerweile die Boote mit den Touristen zum Alltagsbild, wie Besucher im Zoo. Dennoch haben die Bewohner es geschafft, ihre Tradition und Würde weitestgehend zu bewahren. Wie schon zur Gründerzeit, Anfang des 18. Jahrhunderts, sichert der Fischfang in der Lagune ihren bescheidenen Lebensunterhalt. Der Benzinschmuggel über die nahe gelegene Grenze von Nigeria bietet ein willkommenes Zubrot, aber reich wird davon keiner. Überall an den Hauswänden entdeckt man Fetische, Tonkrüge mit Elixieren, magische Gegenstände und Opferaltäre, die vom starken, naturgebundenen Glauben der Menschen zeugen. Dank der hoch aus dem Wasser aufragenden Hütten bleibt deren Privatsphäre vor tieferen Einblicken geschützt. So hat man sich hier mit den Fremden arrangiert. Auf dem schwimmenden Markt, wo Frauen und Kinder in ihren Pirogen Waren verkaufen oder tauschen, beäugt man sich durchaus mit gegenseitiger Neugier. Der Norden - ursprünglich und romantischWir fahren weiter landeinwärts, durch die inzwischen stark gelichteten Feuchtwälder der Küstenebene. In Abomey, der einstigen Hauptstadt des Königreichs Dahomey, lockt das Museum im ehemaligen Königspalast mit kostbaren Kultgegenständen und spannenden Geschichten. Von kriegerischen Amazonen und Menschenopfern und von 41 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Königinnen ist da die Rede. Der romantische Pendjari Nationalpark, in dem in der Trockenzeit Elefanten, Flusspferde, Löwen und Krokodile zu beobachten sind, liegt hoch im Norden, an der Grenze zu Burkina Faso. Die Fahrt dorthin führt über sanfte Bergrücken, durch wunderschöne, abwechslungsreiche Savannenlandschaft. Von einer der Anhöhen eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die leuchtenden Lehmhütten von Tanéka-Koko. Hier, im Schatten eines gewaltigen Affenbrotbaumes, lebt ein mächtiger Fetischeur. Sommers wie winters sieht man ihn nur mit einem Lendenschurz aus Affenfell bekleidet. Man sagt, auf diese Weise bewahre er die alte, afrikanische Kultur. Und sollte er jemals seine Nacktheit gegen Kleidung eintauschen, werde er sterben und die Tradition mit ihm. Mit dem Atakora-Gebirge erreichen wir schließlich das Land der Somba. Die eigenwilligen Bergbewohner leben hier zurückgezogen in ihren prächtigen Burgen, den Tatas. Ihre Initiationsrituale sind nichts für zarte Gemüter. Brutal peitscht man die Jünglinge aus, bevor sie als vollwertige Männer zählen. Die scheinbare Folter hat jedoch einen tiefen, psychologischen (Überlebens-) Sinn: Durch die Grausamkeit des gemeinsam Erlebten entsteht eine verschworene Gemeinschaft, die auch in Not- und Gefahrenzeiten fest zusammenhalten wird. Hat ein Knabe das letzte Initiationsritual bestanden, dann darf er seinen Pfeil und Bogen ergreifen und damit in die Luft zielen. Dort, wo der Pfeil auf unbesetztem Gebiet einschlägt, wird sein eigenes Tata und bald darauf seine eigene Familie entstehen. Festival zu Ehren der SklavenNach der Abgeschiedenheit im Norden zieht es uns schließlich wieder an die Küste zurück. Heute, am Gedenktag der Sklaven, dem offiziellen Feiertag des Voodoo, findet hier ein großes Festival statt. Mitten in Quidah, der Voodoo- Hauptstadt Benins, stellt noch immer der »Baum der Wiederkehr«. Vor dem vierhundert Jahre alten Affenbrotbaum beteten einst die Sklaven, die an die weißen Händler verkauft wurden, auf dass ihre Seele nach dem Tod hierher zurückkehren möge. Einige Tausend Meter entfernt, am sandigen Strandweg, erinnert ein frischer Setzling an den »Baum des Vergessens«, der erst vor kurzem einem Sturm zum Opfer fiel. Ihn mussten die Sklaven umrunden, bevor man sie in die Neue Welt verschleppte. Siebenmal die Frauen, neunmal die Männer. Ein symbolträchtiger Akt, magische Zahlen. Voodoo - die traditionelle Religion des schwarzen Kontinents. Geheimes Wissen, geistige Kräfte - wer darüber verfügt, ist für immer zum Schweigen verpflichtet. Überall im Land stößt man auf geheime Wälder und Haine, auf obskure Fetischaltäre und Götzenbilder. Doch auch wenn uns all das zunächst wie Hokuspokus erscheinen mag, empirische Studien zeigen, dass die HeilerrInnen zum Teil beachtliche Erfolge vorzuweisen haben. Und die gefürchtete schwarze Magie Dagbo Hounon-Hounan, der oberste Voodoo- Priester, versichert uns, dass ein echter Voodooist den bösen Zauber nie einsetzen darf und wird. Der Glaube, dass alles Böse und Schlechte irgendwann - vielleicht erst in einen späteren Leben - gesühnt werden muss, verbietet solch üble Machenschaften von selbst. Tanz für die Götter - nicht für die TouristenAm Strand der ehemaligen Sklavenküste feiern die Angehörigen der unterschiedlichen Volksstämme und die aus aller Welt angereisten Nachfahren der Sklaven bereits seit den frühen Morgenstunden. Die Reden der Honoratioren sind längst verklungen, als jetzt, gegen vierzehn Uhr, der offizielle Höhepunkt des Tages naht. Gemeinsam mit dem König von Allada schreitet der oberste Voodoo-Priester zum Opferaltar hinauf. Dort oben, umringt von einer riesigen Menschentraube, warten bereits die Helfer mit dem Opfertier. Der Gin fliest. Ein Schluck für die Seele, ein Schluck versprüht für die Götter, so will es das Ritual. Dann ein schneller, gekonnter Schnitt - und der immer schwächer werdende Herzschlag der Ziege pumpt ihr Blut durch die offene Kehle. Jubel bricht aus, als Dagbo Hounon-Hounan die Kolanüsse zum Orakel wirft und das Auge des Tieres bricht. Das Opfer ist vollbracht. Jetzt, wo die Götter gnädig gestimmt sind, kann der fröhliche Teil des Festes beginnen. Schon ziehen die ersten Volksstämme singend und tanzend an der königlichen Ehrentribüne vorbei. Die beiden Fernsehteams aus Japan und Deutschland drängen nach vorn, um schnell noch eine faszinierende Großaufnahme zu erhaschen. Den Menschen hier ist's egal. In Benin tanzt und singt man zu Ehren der Götter - nicht für das Fernsehen und auch nicht für zahlende Touristen. Wenn aber umgekehrt der Fremde sich anschickt, für die Götter zu tanzen, dann ist die Begeisterung groß. "Blanche, blanche, viens a dancer!" - Weiße, Weiße, komm tanzen! - diese Aufforderung sollte sich niemand zweimal sagen lassen. Aus "Reise und Preise", 2/00, Text von REGINA FISCHER-COHE |