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Benin - Staatsreligion Voodoo

Aus "Flug- und Reisemedizin", 1/98, Text von KLAUS HELD

Der westafrikanische Staat Benin hat den Voodoo-Kult offiziell als Religion anerkannt. Das Land gilt als Wiege dieses animistisch anmutenden Kultes. Tausende feierten die Entscheidung der Regierung mit großen religiösen Festen. In Benin, dem früheren Dahomey, gelten mehr als 60 % der fünf Mio. Einwohner als Voodoo-Anhänger, weltweit bekennen sich 60 Mio. Menschen zum Voodoo-Glauben, der sich oft mit christlichen und islamischen Glaubenselementen vermischt. Trotzdem erscheint dieser Kult einem rational denkenden Europäer wie »der Stoff, aus dem die Alpträume und der Aberglaube sind«. Wir waren als Gäste beim Welt-Festival für Voodoo-Kultur und -Kunst in Benin einem sehr ambivalenten Erleben ausgesetzt: hin- und hergerissen zwischen Faszination, Sympathie und Haare-Sträuben konnten wir, wie in der Vision einer »virtual reality«, einen Blick in eine andere Welt und in die unergründlichen Tiefen der afrikanischen Seele tun.

Von Geistern, Zauberern und Zombies

Über dem Mahnmal der Sklaverei, der »Porte du Non Retour« an der Sandküste vor Quidah wabert der salzige Dunst vom Atlantik. Von hier aus wurden einst die Sklaven auf ein Nimmerwiedersehn in die neue Welt verschifft. Die Söhne und Töchter des Yoruba- Volkes, der Fulbe und der Fon, konnten jedoch den unersättlichen Sklavenhunger des neuentdeckten Kontinents bald nicht mehr stillen, und so musste das »schwarze Gold« aus den Nachbarvölkern Togos, Nigerias und der Elfenbeinküste hergeschafft werden. Vom Versteigerungsplatz unter einem uralten Tropenbaum wurden die Angeketteten in panischem Entsetzen einen staubigen Weg entlang in ein Ungewisses Schicksal gepeitscht. Viele erlagen schon hier den Strapazen des langen Marsches durch mörderische Hitze, dem Hunger, dem Durst, der Verzweiflung. Später rechts und links des Weges aufgefundene Massengräber bezeugen das ganze Ausmaß des damaligen Elends. Heute wird dieser Pfad »die Straße der Tränen« genannt und von bronzenen Statuen der Voodoo-Götter gesäumt, einem Pantheon, das einst ihre Schicksale gelenkt und ihnen, den Gläubigen, zum Trost versprach, zumindest die Seele des Unglücklichen dürfe nach dem Tod in die Heimat zurückkehren, wenn der alte Baum am Versteigerungsplatz neunmal umrundet wurde. 135 Jahre nach der Ächtung der Sklaverei findet an der »Porte du Non Retour« regelmäßig das »Welt-Festival für Voodoo-Kunst und -Kultur« statt, ein kulturüberspannendes, völkerverbindendes Ereignis, dem wir nun erwartungsvoll-neugierig durch Sand und dichte Staubwolken entgegenstapfen.

Am Strand ist schon eine gewaltige Menschenmenge versammelt, die sich in Gruppen langsam warm trommelt und tanzt und mit leidenschaftlichen Wechselgesängen in eine dem Ereignis angemessene Stimmung bringt. Die kraftstrotzenden Tänze werden von verschieden großen Trommeln, Flöten und Rasseln begleitet, dem ewigen »heart-beat of Africa«, den blutvollen Rhythmen von Liebe, Leben und Leiden.

Dann halten König Kpodegbe von Allada und der »Grand Chef supreme du Voudoui« mit gesamtem Hofstaat ihren feierlichen Einzug auf die Ehrentribüne, gegen die Sonne und böse Zauberkräfte durch baldachinartige Zeremonialschirme beschützt. Der König wirkt eher hager und asketisch und entspricht ganz und gar nicht afrikanischen Vorstellungen von »gewichtiger« Macht und »übergewichtigem« Reichtum. Die Insignien seiner Königswürde sind für uns Europäer eher befremdlich, denn er trägt eine bunte Stoffkappe, von der allerdings goldene Perlenschnüre herabhängen und seinem königlichen Antlitz ein edles Gepräge geben.

Der besser genährte Voodoo- Oberprierster ist eher ein androgynes Wesen, der afrikanischen Welt entrückt; wer weiß, vielleicht ein Zombie - ein Untoter - oder selbst ein Voodoo, jedenfalls eine Art Inkarnation afrikanischer Hoffnungen und Ängste.

Das Wissen um die »wirklichen« Geheimnisse dieser Welt hat in seinem Gesicht ein mystisch entrücktes, jovial-fleischgewordenes Dauerlächeln hinterlassen. Dem Fremden erscheint er auf den ersten Blick in Habitus und Gestik etwas arrogant, den Afrikanern ist er aber eine überirdische Lichtgestalt, mächtiger, aber auch gütiger Mittler zwischen Diesseits und Jenseits. Ein heiliges Orakel hat ihn in der Masse der Namenlosen ausgemacht, den so Stigmatisierten zum Oberpriester geweiht; in der Gewissheit seiner magischen Fähigkeiten zum Schamanen und damit Interpreten der drei Welten: Vergangenheit (Tod, Jenseits, Welt der Ahnen), der Gegenwart der Lebenden und der vorherbestimmten Zukunft gemacht. Das heilige Orakel hat ihm aber in der »afrikanischen Schicksalslotterie« auch einen Hauptgewinn, wahrlich den Jackpot beschert.

Am Podium vor der Tribüne verlesen die Delegationen von Haiti, Brasilien, einigen Antilleninseln und der afrikanischen Nachbarstaaten artige Dankadressen, unterbrochen von feurigen Reden der beninischen Edlen.

Dann wird das opulente Fest eröffnet, ein großes Tamtam mit einheimischen Würdenträgern, den Clownerien skurriler Gestalten und der unerschöpflichen Reserve schwarzhäutiger Schönheiten, alles das unter einer Glocke aus afrikanischem, scharf gewürztem Menschenschweiß.

Der König und der Oberpriester nehmen in einer pompösen Prozession die Huldigungen des Volkes entgegen. Dann werden in einem Zauberritual Fetische geweiht, die Voodoos - die Götter und Geister - mit Namen herbeigerufen, gütig gestimmt und beschworen, böse Zauberkräfte abzuwehren. Böse Geister können auf magische Weise gezwungen werden, im Namen eines Zauberkundigen zu handeln. Jeder Afrikaner -Häuptlinge ausgenommen - kann von einem Geist besessen werden. Wird eine schwangere Frau besessen, muss ihr Kind nach dem Geist benannt werden und ihm fortan als Medium dienen. Damit sind viele Pflichten verbunden, und Medium zu sein, ist nicht sehr beliebt, obwohl man aufgrund seiner Tätigkeit einen höheren Status in der Gesellschaft erlangt. Wenn ein Geist in ein Medium fährt, fällt es in Trance, verliert vorübergehend seine eigene Seele, macht damit seinen Körper leer für den Geist. Es dient so einem Schamanen oder Nganga (Medizinmann) als Mittler zu etwa einem Ahnengeist, der um Rat gefragt werden soll. Der Geist spricht aus dem Mund des »geliehenen« Körpers oft eine Sprache, die das Medium nicht kennt, und an die es sich auch hinterher nicht erinnert, so dass der Nganga den Ratsuchenden die Botschaft aus dem Jenseits übersetzen muss.

Im Heiligen Hain

Während das Fest seine afrikanische Eigendynamik annimmt und die nächsten drei Tage und Nächte fortdauert, ziehen sich der König und der Grand-Féticheur zum Anbeten der Götter und Meditieren in den Heiligen Hain zurück. Hier, am heiligen See, unter dem heiligen Baum, einem Jahrhunderte alten Regenwaldriesen, der als Wohnsitz der Götter gilt, sollen die Orakel abgehalten werden.

Überall stehen Bronze-Statuen der Voodoo-Götter, der Loas: Nana-Baluku oder Papa Legba, die Kraft des Voodoo-Kultes, der bei den Fön als oberstes Wesen verehrt wird. Das oberste Wesen wird von Göttern unterstützt, die die Naturgewalten beherrschen. Hebiosso ist für Blitz und Donner zuständig, Sakpata für die Fruchtbarkeit der Erde, aber auch für die Pocken. Der Schmiedegott Gou beherrscht Eisen und Krieg, Dangbé bringt Wohlstand, er bewirkt den Regenbogen und bringt Regen, das wertvollste Geschenk des Himmels.

In der Sprache des Fon-Stammes in Benin bedeutet Vodun eine unsichtbare Macht, schrecklich und mysteriös zugleich, die jederzeit in den Alltag der Menschen unerbittlich eingreifen kann, böse oder gütig und schützend. Millionen von Sklaven hatten diesen Glauben und die dazugehörigen Kulte in die neue Welt gebracht, die in Brasilien als Candomblé, in Kuba als Santéria, in Jamaika als Obeayisne, in Trinidad als Shango Kult und letztlich in Haiti als Voodoo bekannt und nach Westafrika reimportiert wurden.

Mit dem bevorstehenden Orakel soll die Zukunft befragt, ein Thronanwärter oder Prinz bestimmt und Gründe für unverständliche Ereignisse gefunden werden. So muss in drei Tagen unser Freund Maurice, ein Eisenbahningenieur, der noch in der DDR studiert hat und nun in Berlin lebt, als einer der vielen Neffen des Königs, als Prinz von Allada proklamiert werden.

Eine afrikanische Voodoo-Nacht

Am nächsten Abend sollten wir Zeugen einer solchen Voodoo-Zeremonie werden. Nichts ist magischer als die Stimme des »Explicateur du Voodoo«, des Nganga, über dessen Gesicht der Flammenschein tanzt, während er uralte, über Jahrhunderte tradierte Formeln deklamiert. Über den Bäumen eines kleinen Gehöftes liegt die fahle Mondsichel auf dem Rücken und scheint seinen Zauberworten fasziniert zu lauschen.

Eine kleine Gemeinde hat sich in dem Hof versammelt, überall liegen die Kadaver von geopferten jungen Hühnern herum. Kinder erwarten mit angstgeweiteten Augen das unheimliche Spektakel, und eine Mädchengruppe beginnt einen Wechselgesang mit einer initiierten Voodoossi, einer in die Zere monien eingeweihten Frau. Hunde, Hühner und kleine Ziegen streunen durch den Hof.

Dann kommt der erste der herbeigerufenen Voodoos. Er ist in ein prachtvolles, mit Pailletten besetztes »kubistisches« Gewand gekleidet, d.h. der Voodoo ist in den Träger dieses Gewandes gefahren und spricht durch seinen Mund. Alle Voodoos sprechen Nugo, die Sprache eines Fon- Stammes der Orisha, von denen der Kult ursprünglich stammt. Der »Explicateur«, ein Nganga oder Priester, übersetzt die gurgelnden Laute, die aus dem Gewand kommen, in die Fon- Sprache, und Gaston, der in der ehemaligen DDR Maschinenbau studiert hat, ins Deutsche. Bald folgt ein zweiter und dritter Voodoo, in noch prachtvollere Gewänder gehüllt. »Die Voodoos sind heiß, wollen alles zerstören, haben zuviel Power und müssen besänftigt werden,« erklärt Gaston. Die eigentümlichen Gestalten schlagen mit Stöcken auf die Zuschauer ein, oft gibt es ernste Verletzungen. Voodoos sind polarisiert, haben einen guten und einen bösen Aspekt, diese hier sind noch sehr böse. Zeremonialdiener achten peinlich darauf, dass die Zuschauer nicht mit ihren vergifteten Gewändern in Berührung kommen, da sie todbringend sind. Der Voodoo Taino Yabche, der Name ist jedenfalls in Spiegelschrift auf seinem Kostüm zu lesen, steckt einem kleinen hölzernen Fetisch immer wieder eine brennende Zigarette in seine runde Mundöffnung. Dann erscheint der Obervoodoo lgba Avetonoulochey. der dem Exorzismus an einer besessenen und von einem bösen Zauber geplagten Frau beiwohnt, die als Hexe gilt. Der Obervoodoo trägt einen kreisrunden Umhang, der sich nach seinen furiosen Tänzen - der Fliehkraft gehorchend - wie eine riesige Kreissäge um seinen Hals weiterdreht. In panischem Schreck flüchten Kinder, Hunde, Ziegen und Hühner vor der entfesselten Schreckensgestalt. Die Zuschauer haben Geld für die Zeremonie gesammelt, aber der Obervoodoo will unser Geld nicht, er will einen Ziegenbock als Opfer. So wird jemand auf den Markt geschickt, um von dem Geld die Ziege zu kaufen. Die Besessene muss das ungekochte Blut der geopferten Ziege trinken. Die Frau tanzt im Kreis der magischen Gestalten und bekommt plötzlich einen Schüttelanfall, zittert am ganzen Körper, schreit und kreischt. Das ist das Zeichen, dass der Geist aus ihr sprechen möchte. Die Exorzisten fragen den Geist: »Wie heißt Du ?« Er schreit durch den Mund der Frau seinen Namen und was er will. Schließlich befiehlt der Exorzist: »Verschwinde, laß' die Frau in Frieden!« Der Geist steigt in den Kopf der Frau und verschwindet durch ihren Mund. Einige sagen, sie hätten gesehen, dass er wie ein kleiner Teufel aussah.

Der Obervoodoo gibt uns Fremden dann eine verschlüsselte, geheimnisvoll drohende Botschaft mit: »...wenn Ihr nach Hause geht und sagt, es ist alles Unsinn, dann gehl das auf Eure Rechnung! Wenn Ihr nach Hause geht, und nicht glaubt, was Ihr gesehen habt, so geht das auf Eure Rechnung!« Die europäischen Hexen des Mittelalters hatten Katzen, sagten wahr und ritten auf ihrem Besen zur Jahreshauptversammlung, die unter der Leitung von Satan persönlich stand. Bei afrikanischen Hexen gibt es nichts Vergleichbares, am allerwenigsten die Idee einer zentralen Organisation des Bösen, die der guten christlichen Hierarchie der Kirche entgegensteht.

Afrikanische Hexen müssen nicht notgedrungen weiblich sein, auch Hexer haben die natürliche Neigung, durch ihre bloße Gegenwart Böses zu bewirken, durch den »bösen Blick« einen Mitmenschen krank zu machen oder sogar seinen Tod zu bewirken. Die meisten Hexen werden mit ihrer unheilvollen Zauberkraft geboren, und Hexerei, der Missbrauch magischer Kraft, gilt in Schwarzafrika als größtes Verbrechen.

Weit mächtiger als eine Hexe sind die Zauberer, deren Werkzeuge die Geister sind, die er beherrscht. Er kann Menschen versklaven, indem er sie sterben lässt, wiederbelebt und zwingt, als Zombie (willenlose Sklaven), als Untote für ihn zu arbeiten. Oft sieht man Hexer nachts auf den Friedhöfen, wo sie frisch begrabene Leichen ausscharren, die - von ihnen krank gemacht - eines geheimnisvollen Todes gestorben sind. Zombies behalten ihren Körper und sind noch am Leben, haben aber ihre Seele und ihren Charakter verloren, so dass sie nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können; sie gehorchen einfach ihrem Herrn, der manchmal ein ganzes Heer von Zombies für sich auf den Feldern oder den Steinbrüchen arbeiten lässt.

Fetischmarkt

An einem regnerischen Morgen besuchen wir den Fetischmarkt an der Lagune von Cotonou. Die Feuchtigkeit lässt den getrockneten Tierköpfen, Häuten, halbverwesten Knochen von Affen, Raubkatzen, Schlangen, Krokodilen und Landechsen den bekannten Geruch biologischer Vergänglichkeit entsteigen. Aber auch magische Steine, Metallstücke, Leder- und Stoffbeutel mit Zauberingredienzen ziehen als Amulette Glück, Wohlstand und Fruchtbarkeit an, schützen vor Diebstahl oder sichern die Liebe eines angebeteten Partners. Die Fetische müssen von Zauberern »belebt« werden, die einen ihrer Dienstgeister zwingen, in sie hineinzufahren und fortan dort zu wohnen. Die Fetische können dann durch die Luft fliegen und ein ausgewähltes Opfer angreifen und töten, während die Identität des Zauberers geheim bleibt. Auch kann ein Fetisch mit einem Messer geköpft oder mit langen Nägeln durchbohrt werden. Man glaubt, dass einem verhassten menschlichen Feind durch diesen »Analogiezauber« das gleiche widerfährt.

Der Glaube an Zauberei ist ein integraler Bestandteil afrikanischen Lebens und niemand, bis in die höchste Politik, ist frei davon. Keine Fußballmannschaft tritt ohne magische Zeremonien ein Spiel an, und meist wird ein Fetisch heimlich am gegnerischen Tor postiert. Je höher »educated people« in der Hierarrchie stehen, desto mehr glauben sie, Ziel von Neid und Magie zu sein, und desto intensiver nutzen sie Talismane, Fetische oder Amulette als Schutz.

Afrikanischer Szenenwechsel

An einem der trüben Smog-Abende von Colonou suchen wir nach der »Église du Christianisme céleste«. Der zukünftige Prinz Maurice von Allada hat uns zu einer Messe in seine Gemeindekirche eingeladen. Dicker stinkender Auspuffqualm und der Rauch von den vielen Feuerstellen der Händler am Straßenrand verfinstern den Mond, und wir irren durch sandige Vorstadtstraßen und suchen vergeblich nach der flachen Wellblechhalle der Kirche. Entnervt meint Gaston, der Maschinenbauer, wir hätten gestern den Voodoos gehuldigt. Die wollten uns nicht mehr verlieren und verhindern nun, dass wir den Weg zur heiligen Kirche finden. Aber die Macht der Voodoos scheint hier begrenzt, und wir stehen mit unserem Mitsubishi-Bus schließlich doch noch vor der Kirche, wo wir sehnlichst vom Bischof und seinen Gläubigen erwartet werden. Faszinierend ist, wie das Christentum hier offensichtlich auf einen ebenso fruchtbaren Boden gefallen ist, wie vorher der Animismus, Voodoo oder der Islam.

Es wird eine erdverhaftete, heißblütige Messe: Inbrünstig intonisiert ein Mädchenchor mit glockenhellen Stimmen seine Gospels. Der Synthesizer der Band rückkoppelt schrill dagegen. Die Mädchen swingen mit himmelblauen Kragen wie in einer eleganten Einstudierung spontan mit, haben das eben in ihrem schwarzafrikanischen Blut. Ab und zu fällt eine in zuckende Trance: Der Geist Jesu kommt über sie, so wie ein Ahnengeist über eine Voodoossi kommt.

Der Beat der Kirchenband und sein Rhythmus bringt die Gläubigen in Verzückung. Auch der Bischof swingt mit bebenden Schultern mit. Ein lebensstrotzender afrikanischer Gottesdienst, uns zu Ehren in englischer Sprache abgehalten. Zum guten Schluss wird vom Chor ein »Hallelujah« in Richtung der auf- und der untergehenden Sonne, nach Norden und nach Süden ausgebracht.

Afrikaner sind zuerst einmal Afrikaner und dann erst Christen, Moslems, Animisten oder Voodoo-Anhänger. Auch die zuständigen Götter müssen sich damit eben abfinden.

Ein zweites Highlight unserer Reise ist das internationale Königstreffen in Allada im Landesinneren. Die Tradition dieser Königsstadt geht bis auf die Jahre um 1600 zurück. Schon früh wurden direkte diplomatische Kontakte zu den Höfen von Spanien, Portugal und Frankreich aufgenommen. Portugal schickte Händler und Priester - und Ludwig XIV. sogar eine Staatskarosse. Allada begann mit den Europäern Handel zu treiben: Sklaven gegen Waffen, Alkohol, Schießpulver und Stoffe. Gleichzeitig wurden dem obersten Gott aber auch Menschenopfer dargebracht. Es hieß, ihm gehöre das Blut aller Lebewesen, und er bestreiche damit die Wände in seinem Palast, der in einer anderen Welt stehe und den er niemals verließe.

Die Genealogie Alladas setzt sich kontinuierlich bis 1889 fort. Danach kommt es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Franzosen. Anfangs können sich die Europäer trotz militärischer Überlegenheit nicht durchsetzen, bis eine massive Verstärkung Dahomey endgültig unter französische Herrschaft zwingt. Erst 1960 wurden mit der Unabhängigkeit die Könige von Allada wieder eingesetzt, jedoch ohne politische Macht.

Throninhaber Kpodegbe hat alle Herrscherhäuser dieser Welt zum Königstreffen eingeladen. Auch die Könige vergangener Zeiten, der jenseitigen Welt, denn man sagt hier, Könige sterben nicht, sie sind lediglich verreist.

Die Könige von Kamerun, Elfenbeinküste, Togo und die Youruba-Herrscher Nigerias haben sich sämtlich eingefunden. Nicht dagegen die europäischen Monarchen. Sie hielten es nicht einmal für nötig, abzusagen oder wenigstens ihre Botschafter zu schicken. Alle Afrikaner und der Protokollchef fühlen sich brüskiert.

Trotzdem lässt sich niemand die Lust an der prächtigen Inszenierung nehmen, und jeder der elitären Gäste genießt seinen Auftritt. König Kpodegbe nimmt in seinem Thronsessel Platz, vor ihm auf dem Boden kauern seine Frauen. Der König von Obomey trägt ein brillenartiges Gestell aus Gold, dessen halbkugelförmiges »Monokel« seine Nase verhüllt. Nicht etwa eine Entstellung durch Lepra oder Lupus ist der Grund hierfür, sondern der Nasenschutz ist einer der skurrilen »Gags«, zu denen die Afrikaner neigen, eine der Harlekinaden, an denen sie ihre Freude haben, wo immer auf der Welt sie auch leben, in New York, in New Orleans oder in der Karibik.

Ein König aus Togo hat seinen beeindruckenden Fanfarenbläser mit einer über drei Meter langen Posaune mitgebracht, eine edle nilotisch-hamitische Nomadengestalt. Alle Würdenträger sind in prachtvolle traditionelle Gewänder gehüllt, nur die Nigerianer fallen durch westlich-phantasielose dunkle Anzüge mit Schlips und Kragen auf. Ein Tribut, der dem Ölreichtum des Landes gezollt wird?

Die Schau wechselt zwischen langen Reden, in denen die Könige der Nachbarländer beklagen, dass sie für den Besuch in Benin ein Visum benötigen, Aufrufen zu mehr übernationaler Traditionspflege und den fetzigen Rhythmen und Gesängen, mit denen die Bands um die Gunst des Publikums buhlen. All das dauert bis tief in die sternenklare Nacht, in der der fahle Mond sein milchiges Licht in die bizarren Astgabeln der Baobab-Bäume gießt

In der gleichen Nacht ist Maurice als Prinz von Allada installiert worden: in einer nicht enden wollenden Zeremonie, Seite an Seite mit seiner deutschen Frau Annette, die als weiße schwarzafrikanische Prinzessin absolut nicht wie ein Fremdkörper wirkt und als Teil dieser Gesellschaft vollkommen integriert wird. So sind auch wir als fremde Zuschauer Afrika, seinen Menschen und seiner Wirklichkeit, näher gekommen.

Aus "Flug- und Reisemedizin", 1/98, Text von KLAUS HELD

 

 
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