Süddeutsche Zeitung, Nr. 28/98Text von FRANZ MICHAEL BRAUNSCHLÄGER Maurice ist bereit. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, stürzt er den Zaubertrank hinunter. Das Volk wartet draußen, vor dem Palais Royal d'Allada, Musikanten schlagen die Trommeln. Sein Onkel, der König, der ganze Clan - alle sind vor der heiligen Hütte versammelt. Eine Minute später fällt Maurice in Trance: Plötzlich scheint er sich im Gravitationsfeld eines Riesenplaneten zu bewegen, wie in Bleischuhen folgt er dem Babalawo, dem Voodoo-Priester, der ihn langsam aus der Hütte hinausführt. Nach einer Woche Fasten und Reinigungszeremonien steht er nun unmittelbar vor seinem rituellen Tod, der ihn in den Stand eines Prinzen von Allada erheben wird. "Erlausche nur geschwind die Wesen in den Dingen. Hör sie im Feuer singen. Hör sie im Wasser mahnen und lausche in den Wind: Der Seufzer im Gebüsch - das ist der Hauch der Ahnen... die gestorben sind, sind niemals fort. Sie sind in den Brüsten des Weibes, sie sind in dem Kind ihres Leibes. Sie sind in dem Streit, der sich regt, sie sind in dem Brand, der sich legt..." Der Priester singt ein Gebet, dem Maurice kaum noch folgen kann. Die Medizin, die der "Vater allen Wissens" ihm verabreicht hat, zeigt die beabsichtigte Wirkung. Bald werden ihn die Visionen überfallen, von denen ihm jene erzählt haben, die das Ritual schon hinter sich haben. Bald wird er dem Leoparden begegnen. Ein uralte und für Maurice doch ganz neue Zeremonie. Noch vor ein paar Monaten lebte er in Ostberlin, wo er zu Zeiten der DDR Eisenbahnwesen studiert hat, ein ehemals kommunistischer Musterschüler des Westens. Und noch vor ein paar Jahren hätte diese Zeremonie nicht stattfinden können, nicht einmal hier in Benin, im Mutterland des afrikanischen Götterglaubens - denn Voodoo war offiziell verboten. Erst im Januar 1996 kam der Erlass, den die Menschen ekstatisch gefeiert haben: Ihr Kult wurde anerkannt, als offizielle Religion, gleich- gestellt mit Islam und Christentum. Das gibt es in keinem anderen Land, und die rund 50 Millionen Gläubigen, die sich weltweit zu Voodoo bekennen, blicken seither auf den Fünf-Millionen-St.aat zwischen Togo und Nigeria. Hier liegt der Ursprung ihres jahrtausendealten Glaubens, die in der hochentwickelten Stadtstaatkultur des Joruba-Königreichs entstand. In seiner reinsten Form, die in Benin Fa heißt, kennt der Kult 401 verschiedene Götter, Orischas genannt - und jeder Mensch hat einen Orischa, der sein Leben bestimmt. "Unsere Götter offenbaren sich im Blitz, im Regen, in der Erde,im Fluss, im Meer. Sogar in Krankheiten zeigen sich göttliche Kräfte", sagt König Kpodegbe. Er beobachtet Maurice, seinen Neffen, der in diesem Moment die Augen verdreht und zu schwanken beginnt. Dann fällt er zu Boden, steif wie ein Brett. Gleich werden die Visionen einsetzen. "Als Glied der Sippe stehen wir im Kräftestrom der Ahnen", erklärt der König weiter. "Götterglaube und Ahnenverehrung bilden für uns eine unlösbare Einheit." Das Kernstück des Fa ist jedoch die Vorstellung von "Asé", der persönlichen spirituellen Kraft des einzelnen Menschen, die im Laufe eines Lebens dadurch wächst, dass man den Göttern Ehre erweist. Das Gute dabei ist, dass Orakel nicht nur die Zukunft voraussagen - Voodoo bietet auch die Chance, sie zu verändern. Denn nur zwei Punkte im Leben stehen fest: Der Geburts- und der Todestag. Alles andere kann vorhergesehen und beeinflusst werden, und kein Geschäftsmann in Benin würde es wagen, ohne den Rat eines Priesters in eine wichtige Verhandlung zu gehen. Maurice liegt starr auf dem Boden. Der Tod - "Icu" - ist da: In seinem Kopf taucht der Leopard auf. Er faucht, springt ihn an und schlägt ihm die Klauen in die Schläfen. Doch das gefleckte Gesicht der Raubkatze ist nur eine Maske, dahinter kann Maurice den Gott erkennen: Tausend Arme, in jeder Hand eine ungeheure Waffe, das Antlitz schrecklicher als der Sturm. Aus seinen Augen brechen Blitze von unerträglicher Helligkeit. Aus seinem Mund strömen Meere von Blut. Auf seinem Haupt ist eine Krone, die aus allen todbringenden Dingen gebildet wird. Denn die Könige von Allada, so berichtet die Sage, stammen von einem Leoparden ab. Am Ufer eines Flusses verführte er die Prinzessin von Adja- Tado, die selbst eine schreckliche Herrin war. Die Frauen ihres Amazonen-Heers, gefürchtet in ganz Westafrika, rasierten sich die Köpfe, schnitten sich die linke Brust ab und feilten ihre Zähne zu scharfen Spitzen. Ihr Geschäft war der Verkauf ihrer weniger blutrünstigen Nachbarn. Überall in Benin sieht man die Zeichen des Voodoo. Die weißen Fahnen der Orischas wehen, zerbrochene Tongefäße signalisieren "Orte der Kraft". An Wegkreuzungen erkennt man mit Wellblech überdachte Altäre, in denen unförmige Göttergestalten aus Holz oder Alteisen stehen. Ihre weit geöffneten Münder sind mit Opfergaben gefüllt - Früchte, Hirse und Blut. Anderen steckt eine halb- gerauchte Zigarette zwischen den Lippen. Zu ihren Füßen steht oft auch eine Flasche Gin, Rum oder hochprozentiger Wodka, aus der die Vorübergehenden ab und zu einen Schluck für die ewig durstigen Orischas spendieren. Die Bilder der Pythonschlange, die man an vielen Orten findet, weisen auf Schango hin, den mächtigen Gott von Donner und Blitz. Seine Energie zeigt sich in den bizarrsten Szenen des Voodoo: Schango-Priester der höchsten Stufe sollen in Trance zu übernatürlichen Bravourstücken fähig sein, die nur zu feierlichen Anlässen dargeboten werden. Auch schwerste körperliche Verletzungen - wie etwa das Durchbohren des Unterleibs mit einem Messer, oder das Herausziehen des Augapfels - können sie angeblich psychokinetisch kontrollieren und unversehrt überstehen.
gefährliche Brandung. Sie folgen dem Ruf von Jemonja, der Göttin des Meeres. Besinnungslos treiben sie im Wasser, bis sie von anderen wieder an Land gezogen werden. Nur zögernd erwacht Maurice aus seiner Trance. Mit glasigen Augen kniet der frischgebackene Prinz vor dem Priester und nippt an einer hölzernen Schale, die heiliges - von einer Jungfrau geschöpftes - Wasser enthält. Nach der Zeremonie folgt die Orakel- Befragung, der Priester "schlägt die Nüsse": "Er tut dies, indem er gesegnete Palmnüsse von einer Hand in die andere wandern lässt", kommentiert der König. "Je nachdem, wie viele. Nüsse zurückbleiben, trägt er Markierungen auf seinem Weissagungsbrett ein. Dann kann er das Zeichen, das den persönlichen Schutz-Orischa von Maurice verraten soll, interpretieren." Und dann wird sich zeigen, ob, die Sterne für den Prinzen günstig stehen. Maurice ist nur einer von vielen, die zur Zeit im Fa-Kult ihre Wurzeln wiederentdecken. Auch Anhänger der kubanischen Santeria, einer Verschmelzung des Voodoo mit dem Katholizismus, und Haitianer, die an eine Mischung aus Joruba-, Fön- und Hueda-Gott- heiten mit Kongo-Göttern glauben, suchen in Benin nach den Ursprüngen ihrer Religion. Und im Westen - besonders in den USA - stößt diese Lehre auf immer größeres Interesse. Nach Steven Spielbergs "Amistad" hat der religiöse Tourismus nach Benin noch einmal zugenommen, das Revival des Voodoo gewinnt inzwischen fast eine kommerzielle Dimension. Wer heute ins Land kommt, um sich ins Reich der Orischas einführen zu lassen, muss die Priester gut bezahlen. "Orunmila", raunt der Priester. Er hat Maurices Zeichen erkannt: Es ist der Gott des Wissens, der zweitwichtigste und klügste nach Oludumare, dem allmächtigen Schöpfer- Gott. "Ein sehr, sehr gutes Zeichen", strahlt der König. "Maurjce hat eine große Zukunft vor sich, und ich hoffe, er kann seine Verbindungen in Berlin nutzen. Er wird Voodoo in Deutschland bekannt machen." Auf jeden Fall hat der Prinz eine neue Bewusstseinsstufe erreicht. Er lächelt erschöpft und glücklich. In makelloses Weiß gekleidet, wird er vor den Königspalast geführt, um das wartende Volk zu begrüßen. Text von FRANZ MICHAEL BRAUNSCHLÄGER |